Augenhöhe Session zum Arbeiten in Teilzeit

Augenhöhe Session zum Arbeiten in Teilzeit

In diesem Abschnitt meines mehrteiligen Blogbeitrags zum Hamburger Augenhöhe Camp 2016 berichte ich über die Augenhöhe Session zum Thema Teilzeit.

Diese Session wurde aus einem besonders Praxis-nahen Grund angeboten: die Initiatorin der Session war Mutter von 2 Kindern, wollte wieder ins Berufsleben einsteigen, doch bekam trotz hoher Qualifikation nur Absagen auf ihre Bewerbungen und wurde auch nach Bewerbungsgesprächen nicht eingestellt. Der Erfahrungsaustausch und nützliche Tipps standen bei dieser Session also im Vordergrund.

Viele Fachkräfte werden Teilzeit nicht eingestellt. Clevere Arbeitgeber haben das Potenzial längst erkannt. #AHCamp

— Anna Hansen (@iAnnaHansen) 7. Juli 2016

Erfahrungen

Das, was die Teilnehmer von ihren bisherigen Erfahrungen erzählten, bestätigte meine Befürchtungen leider.

Die Frauen berichteten, dass sie trotz des Anspruchs auf ihren Job meist nicht in Teilzeit ins Arbeitsleben zurückkehren konnten. Die Arbeitgeber ließen es sogar darauf ankommen, dass die Arbeitnehmerinnen klagten. Denn auch wenn die Arbeitnehmerinnen gewannen, war danach das Arbeitsklima vergiftet und sie suchten sich eine andere Arbeitsstelle.

Viele Frauen berichteten auch, dass sie, wenn sie ihre Kinder im Bewerbungsschreiben erwähnten, quasi nie zum Bewerbungsgespräch eingeladen wurden. Erst wenn man die Kinder verschwieg, kamen die Einladungen zu Bewerbungsgesprächen.

Seine Kinder nicht im Anschreiben zu erwähnen ist vielleicht noch ein Mittel, aber lange kann man diese Information meist nicht geheim halten. Spätestens wenn man im Bewerbungsgespräch gefragt wurde, was man denn für Hobbies hätte und ehrlich antworten wollte, werden viele wohl gestanden haben, dass man als Alleinerziehender kaum Zeit für andere Hobbies als seine Kinder hat.

Und auch wenn sie nicht alleinerziehend waren, wurden viele Frauen im Gespräch tatsächlich danach gefragt, wie es mit der Betreuung der Kinder aussah. Was im ersten Moment als gerechtfertigte Frage des möglichen Arbeitgebers klingt, der sicherstellen will, dass der Arbeitnehmer nicht ständig wegen der Kinder krankgeschrieben ist oder frei haben muss, ist die Frage, wenn man die Tatsache betrachtet, dass Männern quasi nie diese Frage gestellt wird, wieder eine Unverschämtheit gegenüber den Frauen.

Besonders Frauen wurden durch die Information, dass sie Mütter sind, oft nur noch auf diese Rolle ihres Lebens reduziert, egal wie hoch qualifiziert sie waren. Dementsprechend, so berichteten einige, erhielten sie dann auch im Job nur Aufgaben die eindeutig unter dem lagen, was sie konnten.

Aber auch Männer, die in Teilzeit arbeiten wollen, um mehr Zeit mit ihren Familien zu verbringen, berichten immer wieder, dass Teilzeit oder Elternteilzeit für sie einen Karriereknick bedeutete oder sie zur Persona non grata abgestempelt wurden.

Ich schien bei diesem Erfahrungsaustausch die einzige Person zu sein, die wirklich positiv über die Familienfreundlichkeit bzw. die Umsetzung von Teilzeitmodellen in ihrem Unternehmens berichten konnte.

Tipps und Tricks

Nachdem wir unsere Erfahrungen ausgetauscht hatten, versuchen wir uns folgende Fragen zu beantworten: Wie schafft man es als Elternteil eine Teilzeit-Stelle zu finden? Welche Mittel und Wege gibt es? Welche Tricks kann man anwenden?

Wie sich schon aus den Erfahrungsberichten herauskristallisierte, scheint es bei Bewerbungen von Vorteil zu sein, seine Kinder erst mal nicht zu erwähnen, sodass man zumindest die Gelegenheit bekommt sich potentiellen Arbeitgebern vorzustellen und diese von sich zu überzeugen.

Wenn der Arbeitgeber Teilzeit generell kritisch gegenübersteht, man aber trotzdem dort arbeiten möchte, gibt es verschiedene Herangehensweisen. Alle Optionen haben das Ziel den Arbeitgeber so von sich zu überzeugen, dass man später in Teilzeit eingestellt wird.

Eine Möglichkeit wäre es zunächst als freier Mitarbeiter mit dem Unternehmen zusammen zu arbeiten. Wenn man einen guten Job macht, wird der Unternehmer schnell merken, dass es günstiger ist denjenigen einzustellen.

Ein anderer Weg ist der über Zeitarbeit- oder Personalvermittlungen. Viele dieser Dienstleister kennen das Problem, können sich darauf einstellen und wissen, wie sie passende Unternehmen finden können. Oft vermitteln sie auch mit dem Ziel, dass die Arbeitnehmer von dem Unternehmen übernommen werden, weil sie dann eine Prämie bekommen.

Außerdem wäre da noch das recht neue Konzept des Job-Sharings. Beim Job-Sharing teilen sich zwei Teilzeitkräfte eine Vollzeitstelle, als festes Team. Der Vorteil hierbei ist nicht nur, dass man wieder für mehr Stellen in Frage kommt, sondern auch, dass das Tandem (die 2 Teilzeitkräfte) sich im Idealfall fachlich ergänzt, sondern auch die gegenseitige Urlaubs- und Krankheitsvertretung übernehmen kann und produktiver ist als eine normale Vollzeitkraft. Für die Vermittlung von Tandems gibt es mittlerweile sogar Dienstleister und Portale, wie zum Beispiel Tandemploy.

Zu wem diese Tipps nicht passen, dem sei noch gesagt: Es ist oft einfacher von Vollzeit zu reduzieren als gleich in Teilzeit zu beginnen, denn die Kollegen und der Arbeitegeber kennen einen dann schon und wissen hoffentlich die Arbeit zu schätzen. Neue Mitarbeiter einzustellen und einzuarbeiten ist allgemein teurer als in vorhandene zu investieren.

Mein Fazit aus dieser Session

Mein Fazit aus dieser Session ist, dass viele Arbeitgeber in Deutschland scheinbar den Wert und die Vorteile von Teilzeit-Mitarbeitern noch nicht erkannt haben. Meiner Meinung nach entgehen den Unternehmen, die das nicht erkennen, hochqualifizierte Mitarbeiter.

Ich denke, dass sich manche Arbeitgeber in Zukunft nicht mehr die Arbeitnehmer aussuchen können, sondern aktiv um Fachkräfte werden müssen. Grade unter diesem Aspekt ist es wichtig flexible Arbeitszeitmodelle und familienfreundliche Lösungen anzubieten, um den Mitarbeitern durch eine ausgewogene Work-Life-Balance einen attraktiven Arbeitsplatz anbieten zu können.

Unternehmen wie comspace haben diesen Trend bereits erkannt und für sich genutzt: hier gibt es Teams, die aus verschiedensten Gründen nur aus Teilzeitkräften bestehen. Ein Grund dafür muss nicht nur die Familienfreundlichkeit sein, sondern kann auch das berufsbegleitende Studium oder der freie Freitag sein.

Weitere Eindrücke vom Augenhöhe Camp gibt es in meinem Rückblick zum Hamburger Augenhöhe Camp 2016.

Anna Hansen

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