AugenhöheCamp 2019: Warum das Wofür immer noch wichtig ist

AugenhöheCamp 2019: Warum das Wofür immer noch wichtig ist

Bilder von Tobias Dietz

Bei einer Unkonferenz wie dem AugenhöheCamp erleben alle Teilnehmenden – mehr noch als anderswo – je eine eigene Konferenz. Und dabei doch ganz viel gemeinsam.

Wir waren schon auf einigen AugenhöheCamps und jedes ist immer wieder anders, man lernt immer wieder Neues und neue Menschen kennen. Mein AugenhöheCamp 2019 in Hamburg hatte drei Schwerpunkte:

  • Grenzen der Selbstorganisation
  • Es ist immer persönlich
  • Sinn von Netzwerkveranstaltungen

An Grenzen reifen

Anders arbeiten bedeutet selbstbestimmt und selbstorganisiert arbeiten. Und in gleich zwei Sessions, die ich besucht habe, wurde das Thema wie weit das denn gehen kann und wo Grenzen sind “heiß” diskutiert.

Da gibt es die Erfahrung, dass eine Organisation in alte Muster verfällt. Eine Person bestimmt und keiner will Verantwortung übernehmen. Das tut weh. Gerade wenn auf der Leitungsebene ein absolutes Commitment zur Selbstorganisation formuliert ist und in der Vergangenheit gelebte Selbstorganisation erfolgreich war. Ein Erfolg, der auch Wachstum mit sich brachte. Und mit dem Wachsen kamen alte Muster wieder hoch. In der spannenden Diskussion formulierte jemand den Begriff von der “Ehrenrunde”. So wie wir das aus der Schule kennen. Diese Muster können Sicherheit geben und gleichsam auch noch einmal neuen Schwung für weitere Reifung der Organisation geben. Mir kam da das Bild eines Satelliten, der im Schwerkraftfeld eines Planeten eine Runde dreht um Schwung zu holen für die Reise ins Offene.

An andere Grenzen stößt die Selbstorganisation, wenn die verabredeten Prozesse oder Regeln, unter denen die Selbstorganisation funktionieren soll, bestimmte Situationen oder Randbedingungen nicht definiert haben. Das kann gerade dann, wenn es um Themen im Personalwesen geht, tatsächlich schmerzhaft werden. Was passiert, wenn KollegInnen nachhaltig das Team so negativ beeinflussen, dass nur eine Kündigung als letzte Lösung möglich erscheint? Hier zeigt sich einerseits der Reifegrad einer Organisation aber auch die offene Frage, dass es (arbeits)rechtliche Randbedingungen geben kann, die nicht so einfach selbst organisiert werden können. Da spielt der Begriff Führung auch noch einmal eine entscheidende Rolle.

Es zeigt sich für mich deutlich, dass Arbeiten unter anderen Bedingungen nie fertig ist. Wer sich auf den Weg der Selbstorganisation macht betritt nicht nur Neuland, sondern kommt auch nicht an ein Ziel. Man gelangt vielmehr auf einen Weg (mit allen Rückschlägen) – vielleicht nur – hin zu einer anderen Reife.

Es ist persönlich

Im Begriff Selbstorganisation stecken ja schon die Begriffe “Selbst” und Organisation. Das bedeutet, es ist immer persönlich. Es geht um mich. Dabei ist der Begriff Verantwortung entscheidend. Ich habe Verantwortung für das, was passiert und dafür, wer ich bin. Das ist nicht so einfach, weil wir als emotionale Wesen uns in einer professionellen Arbeitswelt bewegen.

In der Kommunikation geht es immer um Emotionen – was eigentlich jeder weiß. Wenn mich etwas triggert, auf das ich genervt, frustriert oder auch gekränkt reagiere geht es in der Selbstorganisation immer wieder darum, dass ich mit mir professionell  – oder besser reif – umgehe. Negative Gefühle sind dabei nicht an sich etwas schlechtes. Sie stellen auch eine Form der Energie dar, die ich positiv nutzen kann.

AugenhöheCamp 2019 in Hamburg

Und als Person organisiere ich nicht nur Aufgaben und ihre Erledigung, sondern tatsächlich bin ich auch verantwortlich dafür, wer und wie ich bin. Mir wurde deutlich, dass es nie nur um die Arbeit an der Organisation gehen kann, sondern auch um die Arbeit am Selbst. Das ist nicht unbedingt eine beruhigende Erkenntnis. Eher aufwühlend. Angetriggert hatte das übrigens eine Session beim AugenhöheCamp, in der es um Mansplaining ging und wie frau damit umgehen kann. Für einen weißen heteronorm sozialisierten 50something Mann kein leichtes Feld – eher allzu oft ein blinder Fleck. Selbstorganisation bedeutet, die Organisation reift nur wenn das Selbst auch reifer wird. Silke Luinstra hatte zum Ende der Konferenz zitiert: Empathie kann man nicht im Appstore kaufen – und auch nicht bei Google Play.

Warum das Wofür wichtig bleibt

Es war schon beim Abschlussbier des AugenhöheCamps auf dem Hof des Hamburger Museums für Arbeit (welch toller Ort um Gegenwart und Zukunft der Arbeit zu diskutieren) als es noch einmal um die kritische Selbstreflexion ging: Was passiert denn jetzt konkret? Es haben sich ja wieder nur “die Bekehrten” einer anderen, menschlicheren Arbeitswelt in der eigenen Blase getroffen. Am Band, in der Produktion kommt davon nichts an. Ja diese Frage bleibt wichtig. Denn der Anspruch von Augenhöhe hört – für mich – nicht am Tor zur Produktionshalle auf. Es geht um eine andere Welt der Arbeit für alle.

Gleichzeitig bedeutet aber ein solches Netzwerktreffen auch tatsächlich die Bestärkung. Es gibt ähnliche Rückschläge, es gibt ähnliche Fragen und es gibt auch Erfolge. Und mit der Idee, dass wir ein Wofür haben, dass in seiner Vielfalt die Teilnehmenden vereint und gemeinsam ist. Anders arbeiten ist möglich und damit auch eine andere, offen menschlichere Gesellschaft.

Im Deutschen gibt es den feinen Unterschied zwischen Warum und Wofür. Wer User Stories entwickelt kennt die Formel “…,um zu …”, die das Wofür reflektiert. Anders als das rückwärtsgewandte Warum, ist das Wofür nach vorne gerichtet. Simon Sinek ”Start with why”  wäre besser übersetzt mit: Frag immer Wofür. Das gibt die Ausrichtung.

Und die Formulierung der Antworten auf die Wofür-Frage mit so vielen Facetten macht das AugenhöhenCamp relevant. Netzwerke brauchen – wie neuronale Netze im Hirn – Aktivitäten, um sie zu stabilisieren und am Leben zu erhalten. Das schafft solch eine Unkonferenz immer wieder.

Ich bin gespannt welches AugenhöheCamp Hamburg 2019 andere Teilnehmende erlebt haben.

Tilmann