Bleibt alles anders: Für eine Kultur der bunten Karrieren

Bleibt alles anders: Für eine Kultur der bunten Karrieren

Vor 25 Jahren habe ich meine Diplomarbeit eingereicht. Und ich denke daran, in welche bunte, spannende „Karriere“ mich das geführt hat. Damals hätte ich das allerdings nicht gedacht, als ich das Werk zum Thema „Kohlenhydratstoffwechsel unter Stickstoffmangelbedingungen bei Euglena gracilis“ im Sekretariat der Fakultät für Biologie abgab…

… denn es war völlig offen, was nach dem Diplom kommen sollte. In meinem Semester studierten fast 200 Diplomand_innen. Der Arbeitsmarkt hatte keine Ahnung, was er mit den allen anfangen sollte. So beginnt meine persönliche Geschichte.

Heute? Zurzeit arbeite ich für ein Corporate StartUp und befasse mich dabei mit einem Themenfeld, das sich transdisziplinär von HR und Organisationsentwicklung bis zur Digitalisierung erstreckt und die Basis moderner Unternehmenskultur bildet: Aufbau persönlicher Netzwerke im Unternehmen und darüber hinaus.

Vom Biologen zur Organisationsentwicklung

Es ist alles anders geblieben – aber das konstant. Bestimmender Motor ist stets meine Neugierde. Die hatte mich zum Forschen angetrieben, aber auch zum Journalismus. Nach der Abgabe meiner Diplomarbeit trieb mich die Neugierde weiter. Ich möchte entdecken und verstehen.

Mit dem Auszug aus dem Labor ergab sich die Chance das Schreiben, das schon im Studium dem Nebenerwerb diente, von der Pieke auf als Volontär bei einer kleinen Lokalzeitung zu lernen. Dieses Talent wollte ich unbedingt probieren. Wie in der Wissenschaft gehört auch im (guten) Journalismus das Fragen nach dem Wie und Warum ins Zentrum der Arbeit. Und schon 1996 textete ich für ein erstes Internetprojekt. Ich hatte in der Redaktion den Raum, etwas Neues zu versuchen.

Natürlich habe ich gestaunt, was möglich sein kann mit dem neuen Medium, ohne zu ahnen, was wirklich alles möglich werden würde. Der Online-Journalismus war noch nicht erfunden, aber es wurde schnell klar, dass Neue Medien (neben dem Internet damals die CD-Rom) auch neue Fähigkeiten (Skills) brauchen werden: Zusätzlich zum Schreiben auch das Editieren von Daten und das Designen.

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Neue Qualifikationen bilden die Basis für Veränderungen. Motivation also, dass ich mich anschließend für ein EU-Stipendium bewarb, da die EU schon früh den Strukturwandel begleiten wollte – sowohl in den neuen Bundesländern als auch im Ruhrgebiet. So knüpfte sich an das Volontariat eine 18-monatige Ausbildung zum MultiMediaPublisher an. Um Editieren und Gestalten zu lernen (HTML, Flash, JavaScript, Photoshop, Freehand usw.). Da gab es auch echte Irrwege – wer erinnert sich noch an Lingo, eine Sprache zum Programmieren von CD-Roms? Aber selbst wenn diese Sprache schon lange verstorben ist, war es wichtig als Quereinsteiger ein Grundverständnis zu entwickeln für Programmieren.

Ende der 90er lagen die Jobs plötzlich auf der Straße, wenn man HTML nur richtig buchstabieren konnte warst du schon angeheuert – in etwa. Alles begeisterte sich für die digitalen Möglichkeiten, die allerdings mehr Vision als Wirklichkeit waren.

Und jäh platzte die Blase schon wieder – 2002. Die .com-Industrie hatte sich an ihrer eigenen Euphorie verschluckt. Und spuckte ihre Kinder aus. Ich war eines unter vielen.

Von Netzwerken bis New Work

Zu der Zeit erfuhr ich, wie wichtig Netzwerke sind. So konnte ich schnell als Freelancer bei comspace anfangen. Für die Agentur (bei der ich nun schon lange fest angestellt bin) war schon die Firma tätig, der mit der Blase die Luft ausgegangen war. Damals war die Selbständigkeit erleichtert durch Starthilfen auf dem Weg in die Freiberuflichkeit – kein gutes Wort Ich-AG, aber kein schlechtes Instrument. (Ganz nebenbei hat man sich dann auch mal mit dem Thema Businessplan befasst)

Und ich konnte meinen eigenen Schwerpunkte noch einmal neu setzen. Ich musste nicht mehr Programmieren, sondern konnte wieder mehr gestalten – als Texter und auch als Designer. Hier konnte ich ausforschen, was Text und Gestaltung in den neuen Medien wirklich bedeuten und gleichzeitig feststellen, dass alle Lösungen durch technische Entwicklungen stets überholt werden und neu gefunden werden müssen. Konzeption wurde ein neuer Schwerpunkt. Diverse Erfahrungen und Learnings aus vielen Projekten einbringen. Die Neugierde war geweckt.

Eine Festanstellung folgte dem Freelancer-Leben. Und weil die visionären Ideen von den Möglichkeiten digitaler Kommunikation langsam doch Realität wurden, gestalteten sich die Projekte komplexer und verlangten nach Management. Also entwickelte ich mich hier weiter und qualifizierte mich weiter. Ich investierte Zeit, meine Chefs Geld. Gerade im Projektmanagement flossen dann zahlreiche Erfahrungen und Learnings aus all den Tätigkeiten zuvor ein.

Tilmann (links) bei der Wissenstransfer-Gameshow C42

Im Projektmanagement entdeckt man immer, welche Aufgaben nicht adressiert werden können. Eine Funktion, die immer zu wenig beachtet wurde war das Qualitätsmanagement. Schon damals habe ich für mich eigentlich eines der wichtigsten Prinzipien der Agilität entdeckt: Handlungsfelder erkennen und besetzen und weiter zu entwickeln für das Unternehmen. Im Qualitätsmanagement war auch klar, dass Prozessqualität eine entscheidende Grundlage für bessere Leistung ist. Neue Prozesse lassen sich nur erfolgreich einzuführen, wenn diese in der Organisationsentwicklung abgebildet werden. Über die Organisationsentwicklung gelangte ich unweigerlich dazu, mich mit Unternehmenskulturen, New Work und Change zu befassen.

Karriere ist relativ, aber immer selbstbestimmt

Bei dieser Karriere habe ich unendlich viel gelernt, auch beim Scheitern. Dabei war mein wichtigster Antrieb immer: ich wollte mich ändern, weil ich Dinge ändern wollte – und weil es eine Unternehmenskultur gab und gibt, in der genau das möglich war und ist. Ich durfte! Das war nicht nur mutig von mir, sondern auch von meinem Geschäftsführer. Im Rückblick kann ich diese Geschichte sehr logisch erzählen. Aber natürlich gab es auch viele Zufälle – oder Situationen, an denen ich zur richtigen Zeit am richtigen Ort war. Es gab Chancen und den Mut zum Fehler.

Wenn ich 25 Jahre nach dem Diplom zurückschaue, macht es mir Mut, dass sich so vieles ändern konnte. Keinen meiner späteren Berufen gab es (so) im Herbst 1993! Meine Arbeitsplätze haben sich unglaublich geändert. Meine Berufe habe ich manchmal selber erfunden oder es waren welche, die gerade neu erfunden wurden.

Die digitale Transformation führt zu Transformationen in unserer individuellen Erwerbsbiografie. Das ist ziemlich sicher. Solche Veränderungen können wir positiv gestalten mit Neugierde, Offenheit und kontinuierlichem Lernen. Gleichzeitig sind dazu Freiräume in Unternehmen und funktionierende Netzwerke notwendig und zuweilen eine politische Unterstützung, die solche Umbrüche begleitet. Ich weiß auch nicht, was die Zukunft bringt. Aber ich weiß: Die Zukunft muss nie eine Fortsetzung der Vergangenheit sein.

#Mutland heißt: Erzählt euch gute Geschichten, damit solche Geschichten positive Beispiele geben können. Oft sind es gerade die kleinen Dinge, die im Alltag untergehen und doch wie ein Blitzlicht erhellen, was gut läuft. Über unsere Erlebnisse und Erfahrungen zu bloggen, zu twittern und einfach mal zu reden ist wichtig. Wie und worüber wir sprechen formt tatsächlich unser Denken, unsere Haltung und unser Handeln. Ich glaube, es ist tatsächlich entscheidend, dass wir dort wo wir stehen, beruflich oder privat, Erfahrungen brauchen, in denen wir spüren können, ich kann m(einen) Teil mitgestalten. Sicher dazu gehören persönliche Fähigkeiten, aber es braucht eben auch das Umfeld, die Kultur, in der die Dinge anders bleiben dürfen.

Ich freue mich über eure kleinen und großen Geschichten unter dem Hashtag Mutland – auf Twitter, in Blogs und im echten Leben.

Tilmann

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