Digital Misfits – unser erstes BarCamp remote

Digital Misfits – unser erstes BarCamp remote

Ich hatte mich schon sehr gefreut, nach Köln zum Digital Misfits Barcamp Ende März zu reisen. Da war ich noch nicht. Klang spannend. Und jetzt: Keine Fahrt nach Köln. Physical Distancing ist das Gebot der Stunde. Der Anlass ist klar. Zeit für Experimente, also! 

Mein vorläufiges Fazit möchte hier schon ziehen, bevor ich Details meiner Erfahrungen teile.

Remote und analog kannst du nicht vergleichen. Punkt! Und: Musst du auch nicht. Ich hoffe, dass wir uns eines baldigen Tages wieder persönlich sprechen und die Energie des unmittelbaren Austausches erfahren können.

Aber gleichzeitig werde ich künftig nach reinen remote Meetings Ausschau halten. Das ist für mich ein Ergebnis aus dem Experiment Digital Misfits Barcamp remote, denn: Remote bedeutet etwas anderes, als der mehr oder weniger gelungene Versuch aus der analogen Welt etwas in die digitale Welt zu retten. Im Remote-Modus entwickelt Kommunikation eine andere Qualität. Ich erlaube mir hier sogar von einer anderen Energie zu sprechen. 

Digital ist wie analog, nur anders.

Könnt ihr euch an euer erstes Barcamp erinnern, das erste Mal OpenSpace*? Für mich war das vor etwa fünf Jahren eine ganz neue Erfahrung – ein Experiment eben. Seit dem bin ich ein großer Freund von BarCamps und OpenSpace Formaten.

Ich blicke nun zurück auf das AugenhöheCamp Hamburg im Frühsommer 2019. Ich hatte gerade schon mein Bier geleert und wollte zur S-Bahn eilen, als in unserer lockeren Runde jemand meinte: “Jetzt gehen alle wieder auseinander und doch waren wir wieder nur in der kleinen Blase der New Worker, der Andersdenker, kuschelig beisammen. Aber was passiert da draußen? Es haben sich nur die getroffen, die Arbeiten und Unternehmenskultur neu gestalten wollen.”

Und jetzt schaue ich beim Digital Misfits BarCamp remote über das ganze Land verteilt in Dachstuben, improvisierte Büros, Küchen, auf sonnige Balkone. Ob in Hamburg oder in Tirol. Völlig egal, wo gerade die TeilnehmerInnen sitzen. Sie sind vor Ort. An ihrem Ort. Und nachhaltig – immerhin ist dafür niemand auch nur einen Kilometer mit Auto, Bus, Bahn oder Flugzeug vorwärts gekommen.

Genau dort, auch in der stayathome Phase, wollen wir aktiv Arbeit und Gesellschaft anders und neu gestalten. Ich weiß das nicht nur theoretisch, sondern ich sehe es real: Überall werken und wirken Menschen an einem gemeinsamen Ziel. Digitalisierung ist für sie nicht nur Sache der Technologien. Diese sind nur Mittel. Es geht um anders Arbeiten, anders Leben und ja – es geht tatsächlich um Erfüllung.

Digital Misfits remote – von Resilienz bis Community Engagement

Digitale Distanz ermöglicht menschliche Nähe. Vielleicht besonders in einer Situation, in der viele Ähnliches erleben und dabei doch ganz unterschiedliche Ressourcen entdecken, die Situation zu meistern. Eine Session zum Thema Resilienz** zeigte das für mich ganz deutlich. Das tut gut. Ist aber vor allem tatsächlich wertvoll, um auch die täglichen Aufgaben zu bewältigen.

Eine wichtige Kompetenz ist in der remote Situation die Fähigkeit sich für die Community und mit der Community zu engagieren. Unter dem Hash EngageYourself entwickelte die Kollegin Simone Kinnius interaktiv und gemeinsam mit den Teilnehmenden Ideen, wie Zusammenhalt in Teams, die jetzt remote arbeiten müssen, erhalten und ja wachsen kann. Besondere Herausforderungen zeigen sich da, wo die Teams – etwa wegen angesagter Kurzarbeit – gerade garnicht gut vernetzt sind. Intensiver Austausch und ringen um Lösungen sind auch in der remote Session möglich.

Remote Sessions brauchen andere Kompetenzen

Natürlich müssen für eine remote Sessions technische Voraussetzungen erfüllt sein. Und auch die Herausforderungen an SessiongeberInnen und ModeratorInnen sind deutlich größer. Unerläßlich ist, dass jemand die technischen Tools im Blick hat und auch den Chat verfolgt. Onsite können wir mit allen Sinnen die Gruppe wahrnehmen – online müssen mehrere sich diese Aufgaben teilen. Es ist großartig, dass bei den Digital Misfits aber schon viele Erfahrungen gesammelt worden sind, wie wir remote und verteilt gemeinsam an einem Ziel arbeiten.

Klar, da gibt es auch Hürden. Kein Sound, plötzlich raus aus der Session und dann auch was eben so daheim passiert an Störungen. Normal. 

Und bitte. Wir dürfen nicht vergessen: mit dem remote only sind viele (und vor allem ich) noch absolut Beginner. In einem Jahr belächeln wir unsere ersten unsicheren Schritte. Nur sind die wichtig, weil wir so Laufen lernen. Und diese ersten Gehversuche zeigen mir: Ich kann den Austausch mit einer wunderbar bunten Gruppe auch dann erleben, wenn ich nicht vier Stunden mit der Bahn unterwegs bin. 

Remote: Mehr Diversität, mehr Inklusion

Menschen, die in der Regel vielleicht nur halbe Tage Zeit haben und etwa daheim Care Arbeit leisten oder durch sonstige Umstände verstärkt Zuhause sind, können remote mit viel weniger Umstand dabei sein. Das heißt noch mehr Diversität und auch mehr Inklusion. 

Und das wertvolle Gefühl, wir sind wirklich da draußen an vielen Orten und gestalten gerade Arbeit und Leben mit neuen Ideen, ist greifbar, wenn ich die Menschen real an ihren Orten sehe. Digital Misfits bilden eben keine Blase, sondern ein Netzwerk.

Deshalb stelle ich mir die Frage remote ODER onsite, analog ODER digital nicht mehr. Ich will beides – zu seiner Zeit. 

Zum Schluss ein Hinweis: Auch remote ist nicht for free. In der aktuellen Situation haben viele Unternehmen (verständlich auch irgendwie) Sponsorship und Bildungsetats gestrichen. Daher braucht das Team der Digital Misfits Unterstützung: https://www.startnext.com/digital-misfits-festival-2020 

* Achso, die beiden Begriffe (Bar Camp und Open Space) sollte man nicht einfach gleichsetzen. Das BarCamp ist eher geprägt davon, dass Vorträge oder Beiträge mehr oder weniger fertig mitgebracht werden – manche sprechen auch von “Geschenken”, die man mitbringt. OpenSpace stärker von einer größeren Spontanität, eine Dynamik entwickelt sich im Moment, der manchmal zum Momentum wird. Dabei erlebe ich die Formate in der Realität dann doch mit fließenden Übergängen. Deshalb setze ich hier die Formate gleich.

**Resilienz bedeutet die Fähigkeit, Krisen zu bewältigen und sie durch Rückgriff auf persönliche und sozial vermittelte Ressourcen als Anlass für Entwicklungen zu nutzen. (Quelle: Wikipedia)

Tilmann