Wissenskultur – Lernen fängt mit Haltung an

Wissenskultur – Lernen fängt mit Haltung an

Freitagnachmittag (“vor Corona”) bei comspace, der Digital Agentur in Bielefeld. Im Meetingraum mit der Glaswand sitzen Kolleginnen und Kollegen vertieft und konzentriert. Vor Laptop oder Tablet. Sie haben sich zum gemeinsamen Lernen verabredet – unser angehender Lerncoach Peter begleitet die Community of Practise „Lernen“. Hier sind Lehrende auch Lernende. Eine neue Form von Wissenskultur bei uns im Unternehmen.

Erfahrung ist gut, Lernen ist besser. “Das haben wir schon immer so gemacht” geht nicht mehr und schon gar nicht gut. Zu einer lebendigen Wissenskultur gehört, dass Lernen bedeutet, Erfahrungen zu machen. “Das kannst du schon so machen, dann ist es halt Kacke.” Oft gehört. Allzu oft bremst der lockere Spruch, mit dem sich Bedenkenträger eine lustige Maske aufsetzen, nur Ideen und Initiativen aus. Sollte es nicht viel öfter anders lauten? Etwa: “Das kannst du so machen, dann kannst du das testen. Dann machst du das auch.” Es gilt: Machen ist wie Wollen – nur krasser. Wirksam wird das jedoch nur, wenn aus der Fehlerkultur tatsächlich eine Lernkultur wird: dabei besteht die Bereitschaft, Fehler zu erkennen und zu benennen, eben offen im Feedback mit den Irrtümern umzugehen, und dann in der Reflexion Verbesserungen zu erarbeiten.

Wissenskultur ist mehr als Lernkultur

Wir wissen viel mehr als wir sagen können und wir sprechen über mehr, als wir jemals aufschreiben werden. 

“Entscheidend ist, dass die Fabrik der Zukunft jener Ort sein muss, an welchem homo faber zu homo sapiens sapiens werden wird, weil er erkannt haben wird, das Fabrizieren dasselbe meint wie Lernen: nämlich Informationen herstellen, erwerben und weitergeben.” *

Das schrieb der Philosoph Vilém Flusser bereits 1991. 

Er hatte schon früh erkannt, wie sehr sich Arbeit zur Wissensarbeit entwickelt – in allen Bereichen. Flusser schrieb das übrigens seinerzeit in einer Architektur-Zeitschrift. Aus gutem Grund.

Denn zur Wissenskultur gehören Räume. Wirkliche, reale Räume, ob nun vor Ort zum gemeinsam Lernen oder Remote. Aber wichtig sind zugleich ideelle Räume. Der Schlüssel zu diesen ideellen Räumen ist eine ehrliche Haltung: 

Es ist ok, wenn du etwas nicht weißt. 

Wir betreten nur dann diese Räume, wenn wir akzeptieren, dass unser Wissen stets fragmentarisch ist. Und bleiben wird. 

In diesen Räumen der Wissenskultur werden wir so begrüßt wie das Peter Torstensen (CEO Accelerace) einmal zu Beginn eines Workshops getan hat: “Every Person in the room is a learning opportunity!” Wirklich jede! Das ist ein entscheidendes Moment einer Wissenskultur, die nichts mit technischen Tools zum Aufbewahren oder Vermitteln von Wissen zu tun hat. Auch erst einmal gar nicht damit, welche Kurse ich gebucht habe. Dahinter steht eine  Haltung, die 100% people positive ist. Diese Haltung gegenüber Menschen in unserem Umfeld schenkt uns dabei die Möglichkeit, von und gemeinsam mit jeder Person in unserer Umgebung zu lernen.

Es geht gar nicht darum, dass wir Expertenwissen der Anwesenden eben mal extrahieren, abgreifen und mitnehmen. Es geht um den Austausch.  Z.B. darum, dass ich meinen Produktpitch checken darf, wenn ich jemanden unsere Plattform talee.de vorstelle – auf einem Event, in der Bahn (wenn die gerade mal wieder auf freier Strecke hält). Wie ist die Reaktion des Gegenübers? Welche Fragen stellt sie? Welche Antworten fehlen mir?  Es geht um Ideen, die ich gar nicht übernehmen muss, sondern die meinen Blick weiten oder schärfen, selbst im Widerspruch oder gerade dadurch. Gleich ob wir nun remote oder analog direkt sprechen. Wir reden mehr über Wissen als wir darüber schreiben würden. Wenn wir uns diese Einstellung zu eigen machen beginnen wir damit, uns in diesem Raum der Wissenskultur zu bewegen.

Ein „Universalgelehrter“ ist heute nicht mehr jemand, der alles weiß, sondern jemand, der mit Wissen und Nichtwissen souverän umgehen kann. Zwei Skills sind dafür elementar wichtig: Kreativität und die Fähigkeit, Kontexte herzustellen. Aber wir können immer wieder genau solchen Menschen begegnen. Wenn wir uns auf sie einlassen. 

Eine Kultur des Wissens neu denken

Aaron Dignan beschreibt in seinem Buch großartigen Buch “Brave New Work” (ganz ehrlich, welcher Verleger diesen doofen Titel zugelassen hat, weiß ich nicht) etwas ganz entscheidendes:

Eine Folge des Taylorismus war und ist noch heute, dass die Arbeit zu einem Ort wird, an dem es darum geht zu performen und nicht darum zu lernen. Performen ist das Gegenteil von Lernen. Unsicherheit und Unwissenheit gelten als Schwäche. Lernen wird dabei zu etwas, dass dann eher oder nur noch heimlich geschieht – fast schamhaft. Welch dumme Haltung sich da etabliert.

Wissenskultur gedeiht dort, wo uns die Frage umtreibt, wie schnell kann ich lernen (und nicht mehr die Frage, wie gut bin ich).  Zum Lernen gehören Herausforderungen, an denen wir wachsen. Angesichts von ernsten Herausforderungen sind wir nicht mehr in der Lage, so zu tun, als wären wir perfekt.

Die ersten Zeilen zu diesem Blogbeitrag hatte ich schon einige Tage vor der Corona-Krise geschrieben. Und jetzt in der aktuellen Krise passiert genau das. Für viele Probleme, die wir sehen, haben wir keine Lösungen parat. Aber wir setzen alles daran, in der Situation zu lernen, Lücken in Wissen und Können zu schließen. Natürlich ist der Ausgang offen. Zugleich beobachte ich in der aktuellen Situation, das eine neue Wissenskultur wächst. Überall gibt es remote Angebote, in denen Erfahrungen geteilt werden, Fragen möglich sind und das Nichtwissen willkommen ist, weil es ja deutlich macht, wohin wir lernen wollen.  

Fehler und Reflektion sind Teil der Wissenskultur

Es ist nicht der Erfolg, der Lernen am meisten fördert, sondern die tolerierten Fehler und deren Reflektion bringen beim Lernen weiter. Fehlerkultur oder der stattdessen so gerne verwendete Begriff Lernkultur werden aber zu einem bequemen Ruhesessel ohne Reflexion und Feedback. Zur Wissenskultur gehört eine transparente Kultur der Reflexion und des Feedbacks. Um an den Beginn des Textes anzuknüpfen. Wie meine Kollegin schon mal schrieb: Feedbackkultur – und warum Feedback zur Kultur passen muss.

Für mich persönlich ist das eine der größten Herausforderungen im (beruflichen) Alltag. Denn ja, Feedback und Reflexion sind immer auch persönlich. Klar wir wollen professionellen Austausch, die Sachebene gilt es zu betrachten. Ich, und ich glaube jeder Mensch doch ein bisschen, arbeite stets mit viel Herzblut. Gleichzeitig ist unser Verhalten ja durch unsere Person geprägt. Und die Reflexion nimmt damit immer auch einen Teil meiner Person in den Blick. Ich finde, dass ist nicht immer einfach auszuhalten. Wachstum und Reife gewinne ich aber nur, wenn ich mich immer wieder darauf einlasse: Wissenskultur ist immer persönlich.

*Vilém Flusser, Die Fabrik 1991 zitiert nach Flusser, „Vom Stand der Dinge“, Göttingen 4. Aufl. 2019

Tilmann