Work Awesome 2018: Die Zukunft der Arbeit

Work Awesome 2018: Die Zukunft der Arbeit

Das zweite Album ist immer das schwerste einer Band. Gerade wenn das erste schon ein echter Knaller war. Konferenzen geht es da wohl nicht anders.

Die 2. Auflage der Work Awesome hat versucht, vieles richtig zu machen. Und tatsächlich auch vom Feedback aus dem vergangenen Jahr einiges aufgenommen.

Das Konferenz “Du” ging deutlich leichter über die Bühne und unverkrampfter als noch 12 Monate zuvor. Außerdem gab es tatsächlich etwas mehr moderierte Interaktion. Von der Früh-Meditation, über eine kleine Lockerungsübung bis zu einer Blitzrunde “Workingoutloud” um Netzwerke mit Bedeutung zu schaffen. Und das ist auf jeden Fall ein Anfang.

Ich habe übrigens keine Lust, über etwas zu berichten, was eher nicht so inspirierend war. Ich möchte hier auch nicht in die Grundsatzkritik zu Veranstaltungen solcher Art einstimmen. Wobei man sich schon fragen darf, muss – gefühlt – jeder Sponsor unbedingt auf die Bühne? Wäre es nicht tatsächlich manchmal ertragreicher durch Sponsoring noch mehr und anderen Stimmen und Ideen auf das Podium und ins Gespräch zu bringen? Stimmen jener, die sich nicht Gehör kaufen können. Vielleicht bin ich auch zu optimistisch, dass es solche Stimmen überhaupt gibt.

Fehlerfokussierung und New Work passen für mich aber nicht zusammen. Deshalb möchte ich lieber drei Highlights und einen Special Moment herausgreifen:

  • Highlight 1: Zehn Zutaten für die Zukunft
  • Highlight 2: So geht New Work für den Betriebsrat klar
  • Highlight 3: Otto Group – Führung bleibt Führung
  • Special Moment: Work awesome –  in echt jetzt

Highlight 1: Zehn Zutaten für die Zukunft

Wenn am Ende eines Vortrags über den Köpfen der Zuhörenden ein blauer Schmetterling, der an einen riesigen Morpho didius erinnert, anmutig seine Runden dreht und alles staunt, dann war wohl wer von Festo da. Und man kennt das vielleicht alles schon von der Hannover Messe. Was haben also die Maschinenbauer bitteschön auf einer Konferenz über New Work zu suchen? Weil sie was zu sagen haben zur Zukunft der Arbeit.

Erstens kommt es bei New Work am Ende auf die Ergebnisse an. Wenn wir andere Formen  des miteinander Arbeitens entwickeln und ausprobieren entscheiden die Ergebnisse – die Arbeitsergebnisse – über den Erfolg, der erst einmal durch seine Wirtschaftlichkeit definiert ist. Zweitens sind wir uns bewusst, dass zu den Ergebnissen glücklichere Menschen zählen sollen / sollten. Die sind nämlich (auf Dauer) einfach produktiver.

Illustriert von tollen, teils launischen Videos und wie für Maschinenbauer wohl nicht anders denkbar streng durchkalkuliert, zählt Dr. Elias Knubben (Leiter Research and Innovation) hier die zehn Zutaten zur Innovationskultur bei Festo zusammen:

  1. Arbeite interdisziplinär im Team
  2. Finde inspirierende biologische Vorbilder
  3. Fange schnell und einfach an
  4. Geh mit deinen Ideen “schwanger” und halte stets mehrere Eisen = Ideen im Feuer
  5. Verfolge mehrere Ziele gleichzeitig
  6. Nimm abwechselnd Details der Lösung in den Fokus und dann wieder schau auf das Große und Ganze: Ein – und Auszoomen in Iterationen
  7. Sei zum Scheitern bereit
  8. Definiere dein vorläufiges Ziel mit 80% – auch wenn das dem Maschinenbauer in dir schwer fällt
  9. Mache deine Leistungen sichtbar  – im Unternehmen aber auch etwa auf einer solchen Konferenz
  10. Teile  dein Wissen und deine Begeisterung – gib etwa in Bildungsprojekten an Kinder technische Erfahrungen weiter.

Gerade dieser letzte Punkt macht deutlich: New Work, als Teil der Innovationen, ist immer nachhaltig. Es geht tatsächlich um die wirklich langfristige Sicherung von Zukunft. So wie Festo an New Work herangeht, gehen bestimmt viele andere Unternehmen auch auf den Weg. So oder so ähnlich hören wir das öfter. Die Wiederholung hilft, sich wichtiges zu vergegenwärtigen, sich wieder auszurichten und zu bestärken – wenn es manchmal nicht so zügig voran geht, wie man sich das wünscht. Vielleicht nicht ganz neu die Geschichte – aber selten so anschaulich erzählt und im Bild des mechanischen Schmetterlings geradezu greifbar.

Highlight 2: So geht New Work für den Betriebsrat klar

Auf dem ersten Blick ist es auf dem Containerterminal der Hamburger Hafen und Logistik AG ziemlich menschenleer. Auf der Leinwand hinter dem Podium sieht man die Bilder eines Image-Films. Container auf autonomen Lafetten kurven anmutig zwischen Kränen und großen Container-Stapeln hinter denen die Schiffe fast verschwinden.

Thomas Mendrzik, stellvertretender Betriebsratsvorsitzender und  Arno Schirmacher, Direktor Personalmanagement, machen es sich auf dem Sofa gemütlich. Von Streit will der Arbeitnehmervertreter nichts wissen – im Moment. Gestritten wird, wenn es um die Sache geht; nicht weil es zum Ritual zwischen Arbeitgebern und -nehmern gehört.

Die Sache ist nämlich die: Wenn New Work wirklich funktionieren soll, dann müssen auch die profitieren, die nicht nur im Büro arbeiten, sondern auch bei Wind und Wetter raus gehen. Jene, die eben nicht zu den Wissensarbeitern zählen, die bei der Work Awesome die ganz überwältigende Mehrheit der Teilnehmenden stellen.

Die Robotisierung des Hafenbusiness haben Unternehmen und Belegschaft in Hamburg gemeinsam gemeistert. Und ganz wesentlich dafür ist: die Hälfte des Kuchens mit Namen Effizienzgewinn geht an die Belegschaft. Wenn man produktiver wird können davon alle profitieren. Sei es durch mehr Geld, mehr Pausen, bessere Arbeitsbedingungen. Dieser Pakt wird am Hafen auch im Zeitalter der Digitalisierung weiter gehalten. Und bei der Entwicklung von Lösungen wird ganz im Sinne von Design Thinking – und siehe Festo – interdisziplinär gearbeitet.

In Scrum denken eben nicht nur die Entwickler, in Scrum denkt das Unternehmen. Es war absolut spannend, wie Vertreter von Arbeitnehmerschaft und Arbeitgeberseite gemeinsam darum ringen, dass wir als Gesellschaft gemeinsam vom Nutzen der Digitalisierung profitieren können. Dazu gehört, die alten Denk- und Kampflinien überwinden. Dabei klang das alles gar nicht weichgespült. Aber es klang absolut erwachsen, dass wir eben über Ziele, Interessen und Bedürfnisse offen und fair verhandeln können – auch und gerade in Zeiten disruptiver technischer Fortschritte.

Das Hamburger Logistikunternehmen ist also nicht nur technologisch führend. Ein echtes Leuchtturm-Beispiel im New Work.

Highlight 3: Otto Group – Führung bleibt Führung

Tags zuvor ging es durch die Presse. Der Otto Katalog ist abgeschafft. Ein Stück Nachkriegsdeutschland verschwindet. Sicher ein zeitlicher Zufall – aber ein sprechender. Schließlich wirft das ein Schlaglicht auf tiefgreifenden Veränderungen, die der Otto Konzern durchmacht. Aber “durchmachen” ist eigentlich schon das falsche Wort. Es geht tatsächlich, darum, Veränderungen zu gestalten.

Auf so vielen Bühnen begegnet einem die Otto Group mit all den avantgardistischen Projekten und deswegen fand ich das Statement von Alexander Birken (Otto Vorstand) noch einmal wichtig. Der machte nämlich zwei Dinge klar.

1. Die Veränderungen gelingen nicht immer auf Anhieb und es gehört eine Menge Reflexion und Selbstkritik dazu, sich immer wieder zu befragen, funktioniert die Veränderung so?

2. Ein Wandel der Unternehmenskultur, und damit der Arbeitskultur ist tatsächlich eine Führungsaufgabe – und kann nur als solche gelingen

Alexander Birken hat es so nicht formuliert, aber aus seinen Ausführungen folgt: Verantwortlich bleibt das Management. Und das wird bei der Otto Group tatsächlich so gelebt. Dabei verwahrt sich der Vorstand ganz entschieden gegen das böse Wort von der “Lähmschicht”. Denn gerade auf der mittleren Führungsebene lastet bei Transformationsprozessen ein ungeheurer Druck – ganz tatsächlich von allen Seiten.

Transformation bedeutet, dass es nicht ums abschaffen geht. Das ist kein Selbstzweck. Es geht darum Platz für das Neue zu schaffen. Und das gelingt nur, wenn die Führung tatsächlich führend bleibt. Und den Frei-Raum schafft für Veränderungen.

Special Moment: Work awesome –  in echt jetzt

Stell dir vor: Deine Chefs leiten ihre Firma vom Segelboot aus. In echt jetzt. Immer da wo der Himmel noch blauer ist als das Meer haben die ihr Büro. Das gibt es. Bei Vast Forward. Und so, wie es die Inhaber der Hamburger Agentur –  Maren und Matthias Wagener – beschreiben, funktioniert es offenbar ziemlich gut. Arbeiten von überall. Kein Traum, sondern alles ist echt. Die Zukunft des Remote Arbeitsplatz über Skype und Telefon haben sich die beiden schon in die Gegenwart geholt.

Bei all den Postkartenbilder des segelnden Chefpaars wurde aus dem Publikum die Frage laut, ob solche Bilder am Ende doch den Sozialneid bei Mitarbeitenden schüren.

Die Antwort darauf kam nicht von der Bühne. Sondern ebenfalls direkt aus dem Publikum. Von einer Projektleiterin, die bei Vast Forward angestellt ist. Sie beschrieb, wie erst das remote geführte Unternehmen es ihr ermöglicht, als alleinerziehende Mutter in Vollzeit berufstätig zu sein. Denn die Realität auch im schönen, neuen New Work ist nämlich immer noch die: Mütter haben geringere Chancen, wirklich Vollzeit zu arbeiten. Und als Alleinerziehende wird es für Frauen dann noch einmal viel schwieriger. Dabei sind gerade Frauen wichtige Agenten der Digitalisierung.

Remote heißt: immer erreichbar in der Arbeitszeit. Aber das bedeutet bei Vast Forward nicht automatisch immer verfügbar. Das ist kein kleiner Unterschied, sondern genau die Qualität einer Arbeitskultur in der die kleinen und großen Wechselfälle des Lebens mit Kindern aufgefangen werden können. Denn dann ist es möglich, auch den Arzttermin in den den Alltag zu integrieren und wenn die Kita wegen der Grippewelle einfach mal schließt (oder wegen Streik) ist das nicht gleich die volle Katastrophe. Und dann macht der Remote Arbeitsplatz es auch möglich, eben doch schnell noch mit dem Kind auf den Spielplatz zu gehen für eine halbe Stunde, weil endlich mal die Sonne scheint. Dafür braucht es keine Segelromantik.

Das alles bedeutet nicht, dass hier Arbeit stressfrei ist oder das Leben als Alleinerziehende. Aber was dieses spontane, sehr persönliche und berührende Statement so wichtig macht, ist dass die überkommenen Vorstellungen unserer Arbeitswelt in der Begriffe wie Sozialneid geistern, es oft so schwer machen, tatsächlich Arbeit und unsere Organisation von Arbeit neu zu denken. Aber es ist möglich, wenn die Chancen genutzt werden. Weil zwei lieber das Büro auf dem großen Segelboot haben, können plötzlich anderswo Mitarbeitende ebenfalls ihr Leben autonomer, freier und – auf bestimmte Art erfüllter gestalten. Das mag alles noch nicht perfekt sein und das echte Leben steckt bestimmt voll Widersprüche. Aber es ist ein Lichtblick – und so ein Statement (gar nicht von der Bühne herab) ist das eigentliche Plädoyer für work awesome.

Für die dritte Auflage der Work Awesome wünsche ich mir etwas mehr Platz für genau solche spontane und persönliche Momente.

Tilmann

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